Bestes Schulpferdekonzept

Aktualisiert (Montag, den 15. August 2011 um 16:57 Uhr)

Ursprünglich war es von mir nie geplant Reitstunden zu geben, ich selber hatte eine sehr negative Erfahrung in meiner Kindheit und auch später noch als junger Erwachsener gemacht. In einer Abteilung liefen 10-15 Schulpferde, in der Mitte stand ein laut brüllender, mit der Peitsche knallender Reitlehrer, der im Kasernen Ton Kommandos gab, aber nie etwas erklärte und Anfänger zu gerne damit quälte, dass sie minutenlang ohne Bügel traben mussten. Als Züchterin von Welsh-Ponys und -Cobs hatte es sich vor knapp 14 Jahren dann eher zufällig ergeben, dass immer mehr Kinder zu uns auf den Weidenhof kamen, mit der Bitte, die Ponys mal reiten zu dürfen, so dass ich damit begann Unterricht zu erteilen, weil ich auch kein Herumgejuckel auf meinen Ponys ertragen konnte.

In Wales werden die Welsh-Mountain-Ponys bereits von 3-jährigen Kindern in den Führzügelklassen geritten, deshalb hatte ich auch die Idee, meine Zuchtstuten von kleinen Kindern am Führstrick reiten zu lassen. Anfangs führte ich die Kinder noch selber, ich hatte aber als mindest Alter 6 Jahre angesetzt, nach und nach kamen immer mehr Reitschüler dazu, so dass sich die Kinder gegenseitig führen und Vertrauen zu den Ponys aufbauen konnten.

Die Welsh-Ponys haben ein sehr gutes Interieur: sind bekanntlich sehr gutmütig, gelehrig und besitzen einen hervorragenden Charakter, sie sind rittig, sie verfügen über sehr gute Grundgangarten und lassen den Reiter gut sitzen. Auch vom Exterieur passen sie sehr gut zu den Kindern im Vor- und Grundschulalter.

Ich verzichte bewusst bei den kleinen Kindern auf Longenarbeit, weil es bewiesener Maßen mit einem noch sehr niedrigen Körpergewicht und proportional gesehenen kurzen Beinen sehr schwierig ist, gegen die Zentrifugalkraft anzukämpfen. Bei fortgeschrittenen Reitern, Wiedereinsteigern mit traumatischen Erinnerungen oder Anfängern im Erwachsenen Alter sind Longenstunden durchaus als Sitzschulung eine gute Möglichkeit beim Reiter Verspannungen und alt eingeschliffene Sitzmuster zu korrigieren und Ängste abzubauen.

Nur ein Reiter der angstfrei auf dem Pferd sitzt, kann wirklich locker und gelöst in der Bewegung des Pferdes mitgehen. Andersherum verspannt sich jedes Pferd, wenn der Reiter aus irgendeinem Grund verkrampft ist. Deshalb stellte ich bei den Kindern fest, dass sie ihre Ängste verlieren, je mehr sie mit den Ponys im Kontakt sind. So ist es sehr wichtig, dass die Reiter ihre Pferde unter Anleitung selber Pflegen und Verantwortung für sie übernehmen. Auch das Führen vom Boden aus hilft Unsicherheiten abzubauen und das richtige Umgehen mit dem Partner Pferd zu erlernen. Je mehr die Kinder über das Pferd, sein Verhalten in der freien Natur und sein Wesen erfuhren, umso lockerer saßen sie auf dem Pferd.


Bei mehreren Lehrgängen die ich selber besuchte, um mich reiterlich fortzubilden, bemerkte ich, dass viele der auch regelmäßigen Turnierreiter zwar z. B. die Ausbildungsskala auswendig hinunterleiern konnten, aber im Grunde nicht verstanden hatten, was sie für das Pferd in jeder Reitstunde bewirkt und bedeutet und was für Konsequenzen es für den Reiter hat, wenn das Pferd noch nicht so weit ist.

Deshalb erkläre ich auch den ganz jungen Reitschülern jede Stunde in den ersten 10 min. der Schrittphase etwas über die Ausbildungsskala und die einzelnen Punkte.

Manchmal habe ich Reitschüler, die aus anderen, teilweise sehr großen Reitvereinen mit bekannten Turnier-Reitern als Ausbilder zu mir gewechselt sind, weil es dort nach Jahren nicht mehr vor ran ging und diese erzählten mir dann, dass sie nach der einen Reitstunde bei mir mehr gelernt haben, als in den vergangenen Jahren. Selbst Eltern, die in ihrer Kindheit auch mal Reitunterricht hatten und nun bei ihrem Nachwuchs zum Zuschauen neben der Bahn stehen, bestätigten mir, dass sie noch nie so viel über das Reiten und die Hintergründe gelernt hätten.

Nach ca. 7 Jahren hatte ich jede Woche über 25 Reitschüler im Alter von 6-14 Jahren und 8 Welsh-Ponys, die regelmäßig im Unterricht eingesetzt wurden, 4 Welsh-Mountain-Ponys für die Kleinen und 4 Welsh-Cobs (Stockm.: 1,37 m – 1,54 m) für die größeren Kinder und Jugendlichen, hin und wieder kommen auch Erwachsene.

Im Jahr 2000 gründete ich mit 6 weiteren Eltern der bei uns reitenden Kinder den Verein der Pony- und Pferdesportfreunde Weidenhof e.V. um diese Kinder und Jugendliche besser unterstützen zu können, um Zuschüsse bei Lehrgängen zu erhalten und auch mit den Reitschülern kleine Turniere nennen zu können, ohne dass wir die Absicht hatten ein Turnierreitstall zu werden. Wichtig war uns im Verein weiterhin den Kindern Freude mit dem Partner Pferd zu vermitteln, den Kindern eine solide Basis-Ausbildung anzubieten, damit sie auch als "nur Freizeit-Reiter" möglichst ohne Gefahr für sich und das Pferd im Gelände die Natur genießen können, wie es ja wohl der Traum von jedem Reiter zu sein scheint. Dazu wollten wir möglichst oft den Reitpass anbieten sowie die Motivations-Abzeichen.

Der Verein setzte mich weiterhin als Reitlehrerin ein und ich gab weiterhin auf unserem Weidenhof mit meinen teilweise selbst gezogenen und fast alle selber ausgebildeten Ponys Reitunterricht in der kleinen Bewegungshalle (12 m x 18 m) oder auf dem Außenplatz (15 m x 30 m).

Wichtig ist mir, die Kinder sollen Spaß beim Reiten haben, aber auch lernen und sich anstrengen und sich selbst bemühen, damit auch das Pferd noch Freude dabei hat. In jeder Reitstunde sind im Durchschnitt 4 Reiter, wobei Anfänger und Einsteiger meist in einer Gruppe zusammen reiten. Die etwas fortgeschrittenen Anfänger können dann den totalen Einsteigern schon bestimmte Dinge vormachen, was deren Selbstbewusstsein fördert und die Einsteiger haben es einfacher mit Vorbildern. In jeder Reitstunde versuche ich individuell auf jeden einzugehen, ihn zu bestimmten Themen etwas zu fragen oder eine neue Aufgabe o.ä. reiten zu lassen.

Wie schon anfangs erwähnt werden die Einsteiger von anderen etwas fortgeschrittenen Kindern am Führstrick geführt, die Ponys laufen dabei meist in der Rangordnung hinter einander her und reagieren sehr gut auf meine Stimme und Körpersprache.

Die Ponys werden immer in den Reitstunden mit Vielseitigkeitssätteln geritten, ausgebunden werden nur die, bei denen es unbedingt nötig ist, die anderen gehen von sich aus vorwärts-abwärts. Die Einsteiger können sich dabei im Schritt und Trab auf ihren Sitz konzentrieren und dürfen sich am Sattelriemen oder in der Sattelkammer festhalten, was am Anfang bei den kleinen Kindern die Angst nimmt und somit nicht zu Verkrampfungen führt. Die Bügel lasse ich bei Anfängern lieber etwas kürzer, weil zunächst noch nicht die entsprechenden Muskeln vorhanden sind, um mit ganz gestrecktem Bein im Sattel sitzen zu können. Außerdem fällt es den Kindern dann auch leichter, den Absatz tiefer zu drücken, während sie ihn mit gleich zu langen Bügeln eher hochziehen. Das Reiten ohne Bügel verlange ich nur in bestimmten Situationen, wenn der Reiter schon etwas geübter ist und dann auch nur für einige Minuten, um keine Muskelermüdung aufkommen zu lassen. Aus demselben Grund lasse ich die Einsteiger und Anfänger auch immer wieder zwischen den Trabrunden viel Schritt gehen, damit sie sich erholen können und locker bleiben, bis sich so langsam die entsprechenden Muskeln gebildet haben.

Ich lasse die Kinder verschiedene Übungen mit den Beinen und Armen durchführen, dabei gehen die geführten Ponys anfangs nur Schritt, später auch im Trab und es werden immer mehr Bahnfiguren eingebaut, so dass alle diese nach und nach fast spielerisch erlernen dabei erkläre ich von Beginn an die Hilfen, vor allem die Gewichts und Schenkelhilfen und lasse die Kinder es selber ausprobieren, wie man in Wendungen am ausbalanciertesten sitzt. So sind die Reitstunden auch für Einsteiger abwechslungsreicher und nicht so eintönig wie an der Longe. Erst wenn die Einsteiger fester im Sattel sitzen dürfen sie die Zügel dazu nehmen, werden aber weiterhin geführt. Die ersten Galoppsprünge werden dann mit einem vorne weg gerittenem Pony, welches ein bereits Fortgeschrittener reitet, durch hinterher reiten geübt, bis sich der Reitschüler traut, allein anzugaloppieren. Am Anfang achte ich darauf, dass die Einsteiger möglichst in den ersten Reitstunden immer dasselbe Pony reiten können, später finde ich es sehr wichtig, dass man so viel wie mögliche Pferde reitet und auch mit den etwas schwierigen lernt umzugehen.

Mit dem Wachstum ergibt es sich von selber, das die Kinder von den Welsh-Mountains zu den grösseren Welsh-Cobs umsteigen müssen, was in der Regel aber ohne Probleme abläuft.

Bei den Fortgeschrittenen wird wegen des begrenzten Reitplatzes meist Abteilungsreiten durchgeführt, wobei zwischendurch immer wieder jeder eine einzelne Aufgabe bekommt und dabei individuell korrigiert werden kann. Ich lege viel Wert auf eine niveauvolle Ausbildung, die dem Können und der Veranlagung des Reiters entsprechen muss und bemühe mich die klassische Dressurausbildung meinen Reitschülern schmackhaft zu machen.

Ich finde es aber sehr wichtig für die Pferde und liebe es selber, mit den Pferden in der Natur zu reiten, deshalb biete ich den Reitschülern zwischendurch immer wieder mal Ausritte an. Wer schon etwas sattelfester ist darf dann auch an den Springstunden teilnehmen.(An den Dressurstunden müssen die Anfänger aber weiterhin teilnehmen!) Hier geht es uns darum, die Kinder vielseitig zu schulen und den leichten Sitz zufestigen, sowie den Reitschülern neue Bewegungsgefühle erfahren zu lassen.

Um die Kinder weiterhin zu motivieren bieten wir jedes Jahr in den Sommerferien Lehrgänge zum kl. und gr. Hufeisen an, die jedes Mal ausgebucht sind und in den letzten 7 Jahren haben jährlich ca. 12-20 Kinder an den Prüfungen teilgenommen. Für die Fortgeschrittenen bieten wir fast jährlich in den Herbstferien Lehrgänge zum Pferdekundbasis- und Reitpass an, auch diese Prüfung fand in den letzten Jahren mit jeweils 8-10 jungen Reitern ab 12 Jahren statt, die mit einigen wenigen Ausnahmen alle bei uns mit dem Reiten begonnen hatten.

Durch unseren kleinen Reitplatz und die viel zu kleine Halle können wir leider keine weiteren Reitabzeichen anbieten und auch die Vorbereitung auf höhere Turniere ist daher etwas schwierig. Trotzdem bieten wir jedes Jahr den Reitschülern an, auf Freizeit-Turnieren und Leistungs-Turnieren im Kat.C zu nennen, weil ich es sehr wichtig finde, dass sich die Schüler auch mit anderen vergleichen können und sie einmal vor anderen Richtern reiten. Auch wenn wir das nur im sehr begrenzten Rahmen (aus Zeitmangel) durchführen können, waren die Führzügelkinder von uns doch häufig unter den Siegern oder vorne platzierten und auch beim ERW B konnten sich die Reitschüler hier und dort platzieren. Einmal siegte unser Verein auch bei einem Schulpferdewettbewerb mit Ausbilderwertung. Bei manchen Schülern erwacht dann nach so einem Turnier-Erfolg doch der Ehrgeiz. So haben wir einige, die dann von ihren Eltern entweder ein eigenes Pony bekamen oder bei einem Turnier-Pferd eine Reitbeteiligung erhielten. So auch Sarah H., die als Einsteigerin mit ca. 9 Jahren bei uns mit dem Reiten auf einem Welsh-Mountain-Pony begann, die Motivationsabzeichen und die Prüfungen zum Pferdekundebasis-, sowie Reitpass auf einer Welsh-Cobstute bei uns ablegte und mit dieser auch ihre ersten Turniere in der Dressur und im Caprilli-Springen ritt . Um das Reitabzeichen IV zu erlangen nahm sie Kontakt zum Reit-und Fahrverein in Weilburg Odersbach auf, wo ihr gleich eine Reitbeteiligung an einem guten Turnier-Pferd angeboten wurde. Mit diesem Warmblut-Wallach gewann sie dann bald jeden ERWB und fast jede E-Dressur.

Nach erfolgreicher Reitabzeichen-Prüfung wagte sie sich auch in den Spring –Parcours. Inzwischen trainiert sie für den Bezirks-Kader in der Vielseitigkeit, mit Laufen, Schwimmen und Reiten. Ich bin sehr stolz auf Sarah, aber auch auf alle anderen Reitschüler, die bei mir von klein an, mit vielleicht 6 Jahren begonnen haben und inzwischen einfach nur so freizeitmäßig ihr Pferd oder Pony reiten und sich dabei bemühen, es pferdefreundlich in normaler Anlehnung (ohne Rollkur) in einem ausbalanciertem, gelösten Sitz zu reiten.

Zusammenfassung meines Schulpferde- Konzeptes in Stichpunkten:

  1. Das Pferd muss in der Größe zum Reiter passen
  2. Das Pferd sollte ein gutes Interieur und eine gute Ausbildung haben, sowie absolutes Vertrauen zum Trainer, also Reitlehrer.
  3. Der Reitschüler muss mit dem Pferd vertraut werden und den Umgang mit ihm erlernen.
  4. Nur angstfreie Reiter können locker und in der Balance sitzen, Festhalteriemen sind wichtig und nicht zu lange Bügel.
  5. Erste Reitstunden für kleine Kinder mit Führen und nicht an der Longe
  6. Verschiedene Bewegungsübungen mit Armen und Beinen auf dem geführtem Pferd
  7. Von Beginn an alters entsprechende Erklärungen zur Ausbildungsskaler und allen reiterlichen Hilfen.
  8. So früh wie Möglich Ausritte ins Gelände, mit Anfängern z. B. mit Führung am Führstrick im Schritt und Spring-Gymnastik über kleine Hindernisse zum Erlernen des leichten Sitzes.
  9. Motivation durch Vergleiche auf Wettkämpfen, Turnieren und bei kleinen Prüfungen.
  10. Ständiges Korrektur-Reiten der Schulpferde und eine artgerechte Haltung mit viel freiem Auslauf.

Gabriele Sobotta ( Trainer C Basis-Sport, Berittführer)
(1. Vorsitzende des Vereins)